Preußisches Abgeordnetenhaus Berlin, Haushaltsdebatte
14. Sitzung, 29. Januar 1914
ca. 13:30 Uhr
Vizepräsident Dr. Porsch:
… die Besprechung ist geschlossen, wir kommen zur Abstimmung. Ich bitte, daß diejenigen Herren, welche den Tit. 16 bewilligen wollen, sich von ihren Plätzen erheben.
(Zählung)Das ist die Mehrheit, Tit. 16 ist bewilligt.
Quelle: Staatsbibliothek Berlin
Damit ist der Etat der Gestütverwaltung erledigt.
Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Preußischen Hauses der Abgeordneten


Der „Titel 16“
Es handelt sich hierbei um den Kauf des Gestüts Altefeld. Im vorigen Jahre wurde seitens des Hauses der Beschluß gefaßt, die Staatsregierung aufzufordern, in einem künftigen Etat im Extraordinarium der Gestütverwaltung Mittel für den Ankauf eines für die Vollblutzucht geeigneten Gestüts anzufordern. Entsprechend dieser Aufforderung hat die Königliche Staatsregierung im Kap. 30 Tit. 16 den Ankauf von Grundstücken zur Errichtung eines staatlichen Vollblutgestüts in Altenfeld (Kreis Eschwege) mit 350 000 Mark etatisiert …

Quelle: LAGIS Hessen

Foto: Aliprando Caprioli, CC0, via Wikimedia Commons
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… als Kaiser Barbarossa seine Rosse auf dem Diberied weiden ließ …
… an der Heerstraße von Eisenach nach Cassel nahm, einer Zeit, wo, wie berichtet wird, Kaiser Barbarossa seine Rosse auf dem Diberied des Ringgaus weiden ließ, weil diese Weide sich für die Pferde des Kaisers als besonders geeignet [erwies…] erwiesen hatte. Einen besseren Kronzeugen für die Güte dieses Geländes zum Zwecke der Pferdezucht kann ich nicht heranziehen. Die alten Zeiten kehren für den Ringgau zurück!
Ich will mit den Worten schließen:
Schon wiehern uns die Pferde den neuen, nahen, — schönen — Morgen zu.
Quelle:Dr. Wendtland -1908-1918 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses für den Wahlkreis Kassel 5 (Eschwege, Herrschaft Schmalkalden) und Befürworter für das neue Gestüt Altefeld
Eklärung zu Diberied:
Der Ringgau bildet ein Plateau, das man das Diberied nennt, dieses ist von jeher als für Körnerbau nicht besonders, dagegen als für Viehzucht und besonders für die Pferdezucht hervorragend geeignet bezeichnet worden.
Quelle: Staatsbibliothek Berlin
Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Preußischen Hauses der Abgeordneten
Debatte: Die Verlegung des Hauptgestüts Graditz nach Altefeld

Die Debatte drehte sich primär um den Plan der Staatsregierung, das staatliche Vollblutgestüt von Graditz (Provinz Sachsen) nach Altefeld (im hessischen Ringgau, Kreis Eschwege) zu verlegen. Grund hierfür ist die unzureichende Bodenbeschaffenheit in Graditz, die für die Aufzucht von Hochleistungspferden als zu kalkarm gilt.
Argumentation für Altefeld
Der Abgeordnete Dr. Wendlandt (Nationalliberal) führte leidenschaftlich aus, warum Altefeld der ideale Standort sei. Er betonte die geologischen Vorzüge: Das Plateau des Ringgaus verfüge über mächtige Muschelkalk- und Keuperschichten, die für den Knochenbau der Fohlen essenziell seien. Zudem sei die Lage klimatisch günstig und durch die umliegenden Berge (wie den Brandenfels) vor kalten Winden geschützt.
Meine Herren, vom Standpunkte des Vertreters des Kreises Eschwege kann ich den Entschluß der Staatsregierung, ein preußisches Vollblutgestüt in den Ringgau zu verlegen, nur aufs lebhafteste begrüßen. Die Verlegung wird neue Bewegung, neues Leben, neue Wege, neue Erwerbsquellen, neue Bahnen und alles, was damit zusammenhängt, zeitigen
Quelle: Dr.Wendtland bei der Debatte
Neben der Pferdezucht sieht Wendlandt in dem Projekt eine enorme Strukturförderung für das damals sehr abgelegene Gebiet. Er erhofft sich durch das Gestüt neue Verkehrswege, insbesondere den Bau einer Eisenbahnlinie (Eschwege–Herleshausen), um die Region wirtschaftlich zu beleben. Historisch untermauert er die Eignung damit, dass bereits Kaiser Barbarossa seine Rosse im Ringgau weiden ließ.
Die finanzpolitische Kontroverse
Obwohl über alle Parteigrenzen hinweg (Konservative, Zentrum, Nationalliberale) Einigkeit über die sachliche Eignung von Altefeld besteht, gibt es massiven Widerstand gegen die Art der Finanzierung.
Die Regierung veranschlagte 350.000 Mark im regulären Etat, wollte jedoch die restliche Million für den Ankauf des herrschaftlichen Grundbesitzes dem Domänenankaufsfonds entnehmen.
- Kritik der Abgeordneten: Die Redner v. Pappenheim (Konservativ) und Dr. Schmedding (Zentrum) rügen dies als Umgehung des parlamentarischen Budgetrechts. Der Domänenfonds sei ein „Dispositionsfonds“, über dessen Verwendung der Landtag erst nachträglich informiert werde. Die Abgeordneten fordern, dass solche Staatsausgaben transparent im ordentlichen Haushalt abgebildet werden müssten.
- Reaktion der Regierung: Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer verteidigt das Vorgehen mit der zeitlichen Dringlichkeit (auslaufende Kaufoptionen) und der Weigerung des Finanzministers, weitere Mittel im regulären Etat bereitzustellen.
Der Kompromiss und Beschluss

Argumentation für Altefeld
Um das Projekt nicht zu gefährden, stimmte das Haus der Vorlage schließlich zu. Als Zugeständnis verspricht die Regierung ein „Changement“: Als Gegenwert für die entnommene Million aus dem Domänenfonds sollen zwei Vorwerke in Graditz (Döhlen und Bläsern) nach der Verlegung an die Domänenverwaltung zurückgegeben werden.
Ergebnis: Der Titel 16 des Etats wird bewilligt, womit der Weg für die Errichtung des staatlichen Vollblutgestüts Altefeld frei gemacht wird.
Die Sitzung endete mit der Feststellung der Mehrheit durch Vizepräsident Dr. Porsch und dem Übergang zum Domänenetat.





