Heil- u. Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder
Lauenstein e.V.
Was hat es auf sich mit dem oben genannten Kinderheim Lauenstein in Altefeld?
Um diese Einrichtung und die dort verrichtete Arbeit besser verstehen und einordnen zu können, muss man zurück blicken zu den Anfängen in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg.
Eine unauslöschliche Spur in der Geschichte und Landschaft von Altefeld.


Quelle: Stargader Zeitung Ausgabe 06/2016
Dr. Heinricht Hardt, der später in Altefeld sein anthroposophisch geführtes Kinderheim ansiedelte und führte, meldete sich als 18 Jähriger freiwillig zum Kriegsdienst. Er wurde 1917 schwer verwundet …
… sein Leben konnte nur durch eine riskante Operation eines Arztes gerettet werden. Er kehrte als körperlich Versehrter aus dem ersten Weltkrieg zurück. Diese Erfahrungen bewegten ihn, selber Medizin in Rostock zu studieren.

1922 stieß er bereits während seines Studiums auf den späteren Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner.
Das Gedankengut Steiners faszinierte eine sich stetig vergrößernde Gruppe an jungen Medizinern seiner Zeit und trug zur „ Vermenschlichung der Medizin“ bei. Vor allem in Bezug auf „Seelenpflege-bedürftige“ Kinder, also Kinder mit geistig und körperlicher Behinderung, änderte sich die ärztliche und pflegerische Herangehensweise deutlich. 1924 begann Dr. Hardt eine chirurgische Fachausbildung in Jena, die er aber aufgab als er die Möglichkeit bekam, im heilpädagogischen Institut Lauenstein in Jena mitzuarbeiten. Das Institut wurde von einer Gruppe Ärzte gegründet, die Rudolf Steiners Ideen in ihre Behandlungsformen einbezogen. Hier wuchs heran, was wir in der heutigen Zeit unter Heilpädagogik verstehen.
In den Anfangsjahren seiner heilpädagogischen Arbeit schrieb Heinrich Hardt in einem Aufsatz über seine Arbeit:
„ Wenn man (…) weiß, dass es nicht auf den Wagen ankommt, sondern auf den Vogel, der in ihm singt oder doch singen möchte, dann schaut man mit anderen Augen, lauscht mit anderen Ohren auf das Wesen, das sich mühsam äußert, von dem man weiß, dass es ewig ist und keineswegs begonnen und beendet wird durch einen kurzen Erdentag.“
(Zeitschrift Natura 1926/27, S. 142)
Altefeld als Nachfolge des heilpädagogischen Instituts Lauenstein in Jena
Das heilpädagogische Institut Lauenstein in Jena bekam durch vermehrte Nachfrage und der zwangsweise Rückgabe eines Gebäudekomplexes Platzprobleme, so dass sich Dr. Hardt auf die Suche nach einem größeren Anwesen machte, das als eine der Folgeeinrichtungen des „Lauenstein“ in Jena geeignet wäre.
Ab da kam das preußische Hauptgestüt Altefeld ins Spiel, das, seit dem die dortigen Vollblüter 1929/30 wieder zurück nach Graditz verlagert wurden, einen Leerstand an Gehöften hatte, die Dr. Hardt für geeignet hielt, zu einer neuen Heimat für sein Heilpädagogisches Institut zu werden. Bereits 1932 siedelte er nach Altefeld mit 70 betroffenen Kindern und 40 Mitarbeitern um.
Lauenstein in Altefeld
Laut Kaufvertrag erwarb Dr. Heinrich Hardt folgende Gebäude:
Landstallmeisterhaus mit Burschenhaus, der Wirtschaftshof des Landstalmeisters, das Rendantenhaus, den ehemaligen Hengststall mit seinen zwei Deckhallen und den zwei Wärterhäusern ( das“ rote und blaue Haus“ ) und eine Fläche von 28 h + 61 ar.
Der Kaufpreis der Gebäude inkl. der Wirtschaftsflächen und kleiner Waldparzellen betrug 70.000 Reichsmark. Der Kauf wurde am 14. September 1935 durch Unterschrift besiegelt.
Den gesamten Kaufpreis konnte die Familie Hardt nicht aufbringen aber die Mitgift von Margarethe Hardt ( geb. Becker ), die bereits als „Krankenschwester Gretel“ im Institut Lauenstein in Jena gearbeitet hatte und dort ihren Mann kennenlernte, ermöglichte eine ausreichende Anzahlung und der restliche Betrag wurde finanziert.

Das Institut war als Krankenanstalt genehmigt worden und wurde am 1. September 1932 offiziell eingeweiht. Zu dieser Einweihung erschien die Ärztin Ita Wegmann, eine herausragende Person in dem sich entwickeltden Kosmos der Anthroposophie. Sie war zusammen mit Rudolf Steiner die Begründerin der anthroposophischen Medizin und war begeistert von dem Standort Altefeld. Sie korrespondierte zeitlebens mit Dr. Heinrich Hardt.
Alltag im Heil- u. Erziehungsinstitut Lauenstein, Altefeld
Dr. Hardt wohnte mit seiner Frau und zwei Kindern in beengten räumlichen Verhältnissen im ersten Stock des ehemaligen Landstallmeisterhauses, in dem auch die meisten Kinder mit Beeinträchtigung untergebracht waren und versorgt wurden. Das kleine Burschenhaus neben dem Landstallmeisterhaus diente als Büro.
Das Gesamtkonzept der Wohngemeinschaft war so ausgelegt, dass eine große Autarkie möglich war. Es gab Obst und Gemüseanbau, Ackerbau, im ehemaligen Wirtschaftshof des Landstallmeisters Tierhaltung, eine Wäscherei, eine Schusterei, eine Weberei, Schreinerei, und natürlich eine Art Großküche, in der die Köchin Kutschbach dafür sorgte, dass die vielen hungrigen Kinder und Helfer jeden Tag zu Essen hatten.

Im ehemaligen Haus des Kutschers, also in dem Wohnhaus des Wirtschaftshofes, waren sechs junge Frauen ( mündlich wurde überliefert, es seien Kriegsgefangene gewesen ) einquartiert, die in der Wäscherei, Näh- und Bügelstube und auch bei allen anderen Arbeiten, die im Haushalt anfielen, eingesetzt wurden.

Jeder, der konnte, trug seinen Teil zum gemeinsamen Leben bei. Alle arbeiteten für alle. So wurde die Gärtnerei z.B. mit dazu fähigen Behinderten und auf dem Lauenstein versteckten jüdische Kinder betrieben. Die bildbaren Kinder und die gesunden Kinder, die vorübergehend auf dem Lauenstein untergebracht waren, wurden in dem ehemaligen Rendantenhaus unterrichtet. Bis 1936 hatte Gustav Ritter die Schulleitung. Der Unterricht wurde im Stil einer Waldorfschule geführt.
Kindergarten und Spielplatz
Das sogenannte „blaue“ Hengstwärterhäuschen diente als Kindergarten für die Kleinsten und es lebten dort Kinder mit Assistenzbedarf. Unterhalb des ehemaligen Wirtschaftshofes war dem Wald nahe ein großer Spielplatz für die Kinder gelegen.
Neben der Heimleitung und der ärztlichen Fürsorge der ihm anvertrauten Kinder behandelte Dr. Heinrich Hardt auch ortsansässige kranke Menschen immer unterstützt durch seine Ehefrau Margarethe. Außerdem war er als Schularzt tätig und unterhielt enge persönliche Kontakte zu den Waldorfschulen in Dresden, Kassel und Hannover.
Wer mehr über die alltägliche Betreuung, die von menschlichem Respekt getragen war, erfahren möchte, dem sei das Buch „Neues kommt nicht von selbst“ von Rüdiger Grimm empfohlen, in dem unter anderem Maria Reuter und Ursula Wedepohl detailliert von ihrer Arbeit mit den Kindern und dem Alltag auf dem Altefelder Lauenstein berichten.
Darin schreibt Marie Reuter von ihren ersten Eindrücken Folgendes:
„Mein erster Eindruck war: Hier werden die Kinder als Menschen ernst genommen, als Individualitäten angesprochen, geachtet und gefördert und nicht mit ihren Behinderungen gleichgesetzt oder gar als unwertes Leben herabgesetzt, wie mir das aus dem Geist des Dritten Reiches heraus in der Taubstummenschule in München entgegen getreten war. Mir wurde klar: Nur eine Menschenkunde, die den Menschen als drei gegliedertes Wesen nimmt, nach Leib, Seele und Geist, kann dem behinderten Kinde gerecht werden. (….)
Hier erlebte ich ihre Anwendung auf das Seelenpflege-bedürftige Kind.“
„Neues kommt nicht von selbst“ von Rüdiger Grimm 1999
Vertraute Beziehungen aufbauen
Das Grundprinzip war, das jeweils eine Person einer kleinen Gruppe von Kindern zugeordnet war und mit diesen als Gruppenmutter oder Gruppenvater in vertrauter Beziehung lebte.
Die Mahlzeiten wurden in großer Gruppe gemeinsam eingenommen, Andachten, Geburtstage und andere Jahresfeste zusammen gefeiert.
So beschreibt Ursula Wedepohl die alltäglichen Rituale wie folgt:
„In der großen Diele des Haupthauses, von der eine breite Treppe in den ersten Stock führte, versammelten sich die Kinder morgens, mittags und abends nach dem ersten Gongen. Von der oberen Diele erklang ein Glöckchen und alle stiegen nach oben, brav abwartend, daß sie alle von Frau Hardt aufgerufen wurden zum Empfangen ihrer zubereiteten Medizin in einem kleinen Becher mit ihrem Monogramm. Frau Hardt gab die Becherlein nie aus der Hand – alle bekamen den heilsamen Trank von ihr persönlich – etwa fünfzig Kinder!
Ehe es zum Morgenlied herein ging, gab einer der Erwachsenen, sehr oft Herr Dr. Hardt selbst, jedem Kind begrüßend die Hand und am Abend nach dem Abendlied wurde jedes Kind mit einem Händedruck in die Nacht hinein verabschiedet.
Zum Morgenlied kamen alle Kinder, auch die, die so krank waren, daß sie sonst ihren Tag mit den Mahlzeiten im beschützten Bereich ihrer Gruppe verlebten. Am Abend waren nur die versammelt, die das gemeinsame Essen im großen Eßsaal mitmachen konnten, außerdem der Landwirt und der Gärtner mit ihren Helfern, welche aus Platzmangel im Eßsaal zu anderen Zeiten aßen.“
„Neues kommt nicht von selbst“ von Rüdiger Grimm 1999
Finanzierung der Kosten
In der Regel unterstützten die Eltern der aufgenommenen Kinder, soweit sie das finanziell konnten, die Einrichtung mit Spenden. In den Ferienzeiten besuchten ein Teil der Assistenz bedürftigen Kinder ihre Familien zuhause. Die dadurch entstandenen „freien“ Plätze wurden dahingehend genutzt, dass man gesunden Kindern zur Erholung oder zum Schutz vor Bombardierung in Kriegszeiten einen Platz auf dem Lauenstein in Altefeld anbot, so dass sie ein paar schöne Wochen auf dem Lande verbringen konnten. Die Kosten für Essen und Logis wurden ebenfalls durch die Eltern getragen. Die Kinder wurden in den Schulunterricht integriert und hatten neben Freizeit auch kleinere Pflichten zu erfüllen, die für das Wohl aller von Nöten waren.
Jüdische Kinder
Auch gesunde jüdische Kinder lebten in dem Kinderheim Altefeld quasi versteckt vor den Nazis.
Von Frau Anni Frank, die das ehemalige Burschenhaus bewohnt, ist mündlich überliefert, dass ein jüdischer Mann im Alter von Anfang 60 zu einem kurzen Besuch in Altefeld war, um noch einmal den Ort zu sehen, der ihn vor den Nazis gerettet hatte und der trotz allen Schreckens jener Zeit, seiner Kindheit die schönsten Jahre bescherte. Leider ist nur der Vorname erinnert worden. Er hieß Joe und lebte in der Zwischenzeit in Australien.
Er erzählte Frau Anni Frank, dass er bei stattgefundenen Razzien auf dem Lauenstein ( auf die ist, im späteren Text noch einzugehen ) vorsichtshalber mit Äther narkotisiert und unter den Kohlen versteckt wurde, damit er nicht entdeckt wurde. Das fand mehrfach statt und auch Frau Ursula Wedepohl als Zeitzeugin berichtete als 91 Jährige in einem Telefonat von dieser Begebenheit.
Die bereits oben erwähnte Marie Reuther schreibt in ihren Erinnerungen:
„Wie sehr das, was von ihnen (Dr. Hardt und seine Mitarbeiter/innen) aus edlem Menschentun gepflegt wurde, im Widerspruch stand zur Gesinnung von Blut und Boden des Dritten Reiches, sollte ich damals auch erfahren. Es ging um die Erdenreste von Babetha. Sie stammte von jüdischen Eltern ab, die Deutschland bereits verlassen hatten, nachdem Dr. Hardt das Kind adoptiert hatte. Man ließ von Staats wegen nicht zu, dass Babethas Leichnam in die germanische Erde des Altefelder Friedhofs beigesetzt wurde. Nach der Kremation nahm Dr. Hardt Babethas Urne zu sich. Auf seinem Schreibtisch fand sie ihren Platz, bis bessere Zeiten kamen.“

Bundesarchiv, Bild 146-1979-013-43 / CC-BY-SA 3.0

Rotes Haus in Altefeld

Schutz durch
Admiral Wilhelm Canaris
Das anthroposophisch geführte Kinderheim Seelen-bedürftiger Kinder Lauenstein in Altefeld unterlag einer besonderen Protektion, was erklärt, dass es sich so lange während der Zeit des Naziregimes ( 1933 bis 1945 ) halten konnte. Admiral Canaris war von 1933 bis 1944 Chef der Abwehr des militärischen Geheimdienstes Deutschlands. Ab 1938 unterstützte er zahlreiche Widerstandskämpfer und beteiligte sich zwischen 1938 und 1940 an Umsturzplänen mit der Absicht, das Hitlerregime zu beenden. Bei einer Untersuchung durch die geheime Staatspolizei wurde bei ihm ein Tagebuch entdeckt, aus dem sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus bekannt wurde. Das führte dazu, dass man Admiral Wilhelm Canaris am 9. April 1945 also kurz vor dem Kriegsende durch ein SS-Standgericht im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tode verurteilte und erhängte.
Altefeld – ein neues Zuhause
1923 wurde seine erste Tochter Eva geboren, bei der es durch eine Hirnhautentzündung zu einer lebenslangen Behinderung kam. Sie brauchte Assistenz und lebte hier in Altefeld im Kinderheim. Eva Canaris war in einem der Hengstwärterhäuschen ( rotes Haus ) zusammen mit einer Mitarbeiterfamilie untergebracht. In diesem Haus quartierte auch die Schwester Brigitte und deren Freundin Ursula Wedepohl, wenn sie in Altefeld waren. Die zwei Freundinnen kannten sich aus Berlin, wo sie Nachbarinnen waren und von klein auf miteinander spielten.
Ursula Wedepohls Vater war Architekt. Für ihn gab es kriegsbedingt immer weniger Arbeit und so verschaffte ihm Admiral Canaris in seiner umfangreichen Bürozentrale einen Arbeitsplatz, so dass er seine Familie weiterhin ernähren konnte. Gleichzeitig war Ursula Wedepohls Vater ein alter Kriegskamerad und Freund von Dr. Hardt.
Als sein Sohn sein Abitur machte und nicht so recht wusste, wohin die berufliche Reise gehen sollte, empfahl ihm der Vater, eine Weile bei Dr. Hardt auf dem Lauenstein zu arbeiten, um Orientierung für sein Leben zu bekommen. So schließt sich der Kreis von Dr. Hardt, den Wedepohls und Admiral Canaris und dessen Töchtern.
In Zeiten des Naziregimes galten Menschen mit Einschränkungen, sei es geistiger oder körperlicher Art, als unwertes Leben. Es drohte diesen Menschen die Euthanasie!
Das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft am 1.November 1935 ließ die Lage noch prekärer werden. Razzien häuften sich mit Durchsuchungen und Befragungen. Nur auf Grund der rechtzeitigen Warnungen durch Admiral Canaris konnte Schlimmeres verhindert werden. Traf die Information vor einer Razzia ein, wurden sofort die schwerst behinderten Kinder evakuiert. Man führte sie in das im Süden gelegene Ölbachtal und den hinteren Heidelberg. In die Räumlichkeiten des Kinderheim setzte man gesunde Kinder, die, wie oben beschrieben, zur Erholung oder zum Schutz vor Bombardierung in Altefeld vorübergehend wohnten. So konnte die Gestapo keinen Anlass finden, das Kinderheim zu schließen.
Frau Wedepohl schreibt in ihren Erinnerungen dazu:
Im Frühjahr 1941 breitete sich eine ernste Stimmung aus, die auch uns verständigeren Kinder erfasste: Schon 1935 war ja die Anthroposophische Gesellschaft verboten worden und nun, im Zusammenhang mit Rudolf Hess` Flug nach England, gab es erneut scharfe Aktionen gegen noch bestehende anthroposophische Einrichtungen ( z.B. auch die Dresdner Waldorfschule).
Eines Morgens wurde unser Hauptunterricht unterbrochen durch mehrere Männer in Zivil, die den Unterricht für beendet erklärten und beim Hinausgehen jedes Kind befragten, wie ihm die Schule gefalle und ob man geschlagen würde. Als wir in die Gruppe kamen, erklärte uns die Gruppenmutter, nachdem sie uns heiliges Versprechen abgenommen hatte, mit niemanden darüber zu sprechen: Diese Männer kommen von der Gestapo und wollen versuchen, den Lauenstein zu schließen.
Soweit kam es zum Glück nicht. Am Abend verließen die Männer den Lauenstein, nachdem sie alle Mitarbeiter verhört hatten, mit einem Lastwagen voll beschlagnahmter Bücher von Rudolf Steiner.
Pferde für den Krieg
Im Jahr 1941 beanspruchte die Heeresleitung, die Gestütsanlage in Altefeld wieder voll umfänglich zur Unterbringung der Beutepferde und zur Zucht von Kriegspferden und Vollblütern.
Das Kinderheim Lauenstein sollte in diesem Zuge enteignet werden. Doch auch hier bewirkte die tatkräftige Hilfe von Admiral Wilhelm Canaris nur Gutes. Durch seinen Einfluss wurde ein Tausch- und Entschädigungsvertrag abgeschlossen, der ermöglichte, eine neue Bleibe für das ganze Institut zu finden.
Im Sommer 1941 zog das gesamte Heil- und Erziehungsheim mit 80 Kindern und 40 Mitarbeitern nach Seewalde in Mecklenburg um. Hier fanden sie unter widrigen Umständen und in den entbehrungsvollen Jahren nach dem Krieg eine neue Heimat, bis zur Enteignung bzw. zwangsweisen Auflösung durch die DDR-Behörden im Jahr 1949. Innerhalb kürzester Zeit mussten die Kinder zurück zu ihren Eltern oder anderweitig untergebracht werden. Die Mitarbeiter mussten Seewalde überstürzt verlassen und Dr. Hardt floh nach Westberlin, nachdem er den Befehl erhielt, sich zur Zwangsarbeit im Uranbergwerk in Aue/ Erzgebirge zu melden, was einem Todesurteil gleichkam.
So hörte im Sommer 1949 der Lauenstein auf, zu bestehen, eine der anthroposophischen Pionier-Institutionen in Deutschland.
Werdegang von Menschen rund um den Lauenstein
Dr. Hardt
… verließ bei der zwanghaften Auflösung des Lauenstein/Seewalde als letzter diesen Ort und verunglückte auf dieser Fahrt schwer bei einem Gewitterregen mit dem Motorrad. Er fand vorerst Unterschlupf bei den Eltern von Frau Wedepohl im Ostsektor Berlins, von wo er 1949 nach West-Berlin floh.
Zusammen mit seiner Frau suchte er in England, Schottland, der Schweiz und Schweden eine neue Arbeitsstätte. Schließlich entschloss er sich, 1950 als Heim- und Schularzt im Landschulheim Benefeld in der Lüneburger Heide tätig zu werden. 1956 erkrankte er schwer, was ihn zwang, seine aktive Mitarbeit dort aufzugeben. Nahe Lüneburg lebte er und seine Fau im Institut „Birkenhof“, später zogen sie um nach Murrhardt. Hier verstarb seine Ehefrau Margarete am 8. März 1972. Daraufhin suchte er die Ortsnähe zu seinen Kindern, die im Institut Hepsisau bzw. der Filderklinik arbeiteten und zog in den „Michaelshof“.
Am 23.07.1981 verstarb Dr. Heinrich Hardt in Arlesheim in der Schweiz.

Ursula Wedepohl
… war durch ihre frühen Kindheitserfahrungen auf dem Lauenstein in Altefeld geprägt und widmete ihr Leben der Anthroposophie. Sie machte im Jahr 1948 eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und suchte erneut die Nähe zu Familie Hardt. So arbeitete sie 5 Jahre lang zusammen mit Dr. Hardt als Gruppenerzieherin in der anthroposophischen Einrichtung Benefeld bei Walsrode. Im Anschluss machte sie eine Ausbildung in Eurythmie und ging für einige Jahre in die Schweiz nach Brisago in ein heilpädagogisches Institut, um Erfahrung als Heil-Eurythmistin zu sammeln. Als sie von dort zurück nach Deutschland kam, baute sie zusammen mit anderen engagierten Menschen ein pädagogisch soziales Zentrum in Dortmund auf, das Christopherus-Haus e.V. für Seelenbedürftige. Es umfasst diverse Kindertagesstätten, Schulen, betreutes Wohnen und ein Seniorenwohnheim. Frau Ursula Wedepohl verstarb im alter von 93 Jahren am 05.08.2023 in Dortmund. In einem Telefonat am 21.11.2021 berichtete sie als Zeitzeugin mit hellem Verstand und gutem Erinnerungsvermögen von ihren Jahren und Erlebnissen in Altefeld
Bente Edlund ( geb.1952)
… aus Norwegen besuchte Altefeld im Sommer 2012. Sie war mit der Absicht gekommen, die Häuser des ehemaligen Kinderheims Lauenstein zu besichtigen. Bente Edlund studierte in der Schweiz und in Deutschland anthroposophische Gesundheitspädagogik und ergänzte später ihre Ausbildung mit dem Studium der Sonderpädagogik an der Universität in Oslo. Sie lehrte Sonderpädagogik am Rudolph Steiner University College.
Im Rahmen ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich mit dem Thema, wie das anthroposophische Gedankengut insbesondere in Beziehung zu anthroposophischen Diensten und der sich entwickelnden Sonderpädagogik nach Norwegen kam. Bei ihren Recherchen stieß sie unter anderem auf das Kinderheim Lauenstein in Altefeld und konnte belegen, dass Menschen, die mit Dr. Heinrich Hardt dort gearbeitet hatten, nach Norwegen emigrierten und dort den erlernten neuen heilpädagogischen Ansatz etablierten. „Während der Nationalsozialismus auf dem Weg war, die Bewegung zu zerschlagen, sorgten Flüchtlinge dafür, dass der Impuls in andere Länder Europas weiter gegeben wurde.“
Dazu gehörte der ehemalige Schulleiter des Lauensteins in Altefeld , Gustav Ritter, der Mitte der dreißiger Jahre nach Norwegen emigrierte.

Gustav Ritter
„Nach einer kurzen Zeit als Lehrer in Stockholm begründete Gustav Ritter 1935 – zusammen mit seiner Frau Lotte (Charlotte, geborene Krägeloh, 1900-1984), die er 1932 in Lauenstein heiratete – das heilpädagogische Kinderheim Mikaelgården. Diese Begründung war der Keim für viele weitere anthroposophische Initiativen in Järna, das heute als das Zentrum anthroposophischer Wirksamkeit der nordischen Länder eine hohe Akzeptanz und Ausstrahlungskraft genießt.
1942 war er an der Begründung der Saltå Arbeitsskola beteiligt.
Bereits 1945 gründete Gustav Ritter – zusammen mit seiner zweiten Frau Agathe (geborene Kornfeld, aus Österreich geflüchtet, aus dieser Ehe ist 1945 ein Kind geboren) – ein neues Kinderheim in Järna. Im Solbergahemmet konnte er einer seiner größten Ideale – die Betreuung von Kindern in familienähnlichen Wohngruppen – verwirklichen, eine für die damalige Zeit revolutionäre Idee.“ (aus Stiftung Kulturimpuls / Andreas Fischer)
Text: Dr. Eva-S. Neitzel
Quellen:
„Neues kommt nicht von selbst“, Rüdiger Grimm 1999 ISBN 3-7235-1067-1


Anthroposophische Interventionen f. Menschen mit besonderen Bedürfnissen von Bente Edlund Antropos Forlag
Wikipedia : Wilhelm Canaris
Stiftung Kulturimpuls / Hermann Girke https://dokumentationen.kulturimpuls.org/biografien/305
Dokumentiertes Telefonat zwischen Ursula Wedepohl und Dr. Eva-S. Neitzel vom 21.November 2021
Kopie Kaufvertrag Lauenstein – Dr. Eva-S. Neitzel
Stargader Zeitung Ausgabe 06 von 2016
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