Bericht aus:
Das Werratal – Nachrichtenblatt des Werratalverein vom Oktober 1925
2.Jhrg. Heft 10

Das Altefeld einst und jetzt.
Heinrich Almeroth, Eschwege
Das Altefeld einst und jetzt
„In meines Vaters Koppel stehen noch drei junge Hengste, die an Schnelligkeit und Schönheit meinem Hengst Nipse gleichkommen. Der schönste von ihnen aber ist Falke, ein rabenschwarzer Hengst. Dir, Held Dietrich, wird mein Vater ihn gerne schenken. Denn sein ruhmreicherer Held würde ihn reiten!“ so sprach Heime, der Sohn des berühmten Rassezüchters Studas und spornte Nipse, so daß er Sprünge machte, dergleichen die Berner noch nicht gesehen hatten. (Aus „Deutsche Heldensagen“).
Diese Worte kann ich nicht vergessen, seit ich an einem diesjährigen glühheißen Julitage an der Straßenkreuzung Netra-Nesselröden und Renda-Altefeld auf dem hohen Ringgau am Rande des dunkelgrünen Fichtenwaldes Rast machte und vor mir ausgebreitet, wie aus der herrlichen Landschaft emporgewachsen, das preußische Staatsgestüt Altefeld mit all seinen zugehörigen Nebengebäuden liegen sah. Ein Paradies auf dem hohen Ringgau, diesem so oft verspotteten Hessischen Sibirien! Denn als Kindern galt uns Anliegern und Talbewohnern des Ringgaues jenes Gebiet, das wir als „Diebenritt“ – so hieß es ja heute noch – bezeichneten, und das Altefeld mit seinem Vorwerk Lustefeld gehörte dazu.
Und nun haben wir seit 10 Jahren einen völligen Wechsel da oben erlebt, einen Wechsel, der uns einerseits staunen läßt über die Schönheiten des hohen Ringgaues, uns aber auch bewundern läßt, was Menschengeist und Menschenwitz im Verein selbst mit einer rauhen und harten Natur aus einer scheinbar stiefmütterlich behandelten Landschaft machen kann. Ganz von selbst drängen sich Gedanken des Vergleichs von einst und jetzt auf und so geschichtliche Lage ist, das Altefeld von früher mit dem von heute vergleichen zu können, der wird würdigen können, was das Altefeld für unsere engere wie weitere Heimat, aber auch für unseren Staat, und, wenn wir seinen heutigen Zweck dabei berücksichtigen, sogar für Weltbedeutung hat.
Diebenritt
Das Altefeld von einst und jetzt liegt oben auf der höchsten und größten Ringgau-Hochebene, die man das Diebenritt nennt. Es ist dies ein Hochplatte von etwa 1 Stunde Länge und reichlich ½ Stunde Breite, die in der Richtung von Nordwest nach Südost verläuft. Die eigentümliche Bodenbeschaffenheit dieser Hochebene, die einen schweren und zähen tonigen Boden auf Muschelkalk aufweist, schafft uns mehr für die Platte Wachstumsbedingungen, die sonst selten für derartige Höhenlagen gegeben sind, und die vielleicht nur der Meißner und die „Hohe Rhön“ aufweisen können. Niederschläge versickern nicht im Untergrund, sondern werden in dem wenig durchlässigen Boden festgehalten und bieten dadurch die besonders für das Wachstum der Gräser und aller Kleearten notwendige Feuchtigkeit.
Was Wunder, wenn wir da oben auf dem Diebenritt die fruchtbarsten Bergwiesen finden, auf denen die Viehhalter von Netra, Renda und Lüderbach die süßesten Futterkräuter für ihr Vieh ernten. Diese für eine ersprießliche Viehhaltung und Weidewirtschaft notwendige und hier vorhandene Vorbedingung hat wohl auch den entscheidenden Ausschlag für Einrichtung eines Gestütes in Altefeld gegeben.
1. Das einstige Altefeld
Das alte Altefeld mit dem Vorwerk Lustefeld, ein ehemals landgräflicher Gutshof des Landgrafen Chlodwig von Herleshausen, galt von jeher als eine etwas verlorene Ecke des schon an und für sich abgelegenen Ringgaues. Die fernab von jedem Verkehr durch die Einsamkeit noch gesteigerte, außerordentlich stille Lage des Gehöftes, die schwere und mühevolle Erreichung auf steilen Wegen und Schluchten ließen diese ausschließlich der Ackerwirtschaft gewidmete Siedlung allmählich in ein stilles, beschauliches Dasein sinken, von dessen Vorhandensein eben nur die Nachbarorte etwas wußten.
Und wenngleich auch dort der Frühling blaute und neues Leben weckte, und der Sommer ebenso wie an anderen Orten seine Gaben, wenn auch etwas kärglicher, spendete, so entrüsteten der frühe Herbst, der Wege und Pfade fast ungangbar machte, und der lange, 5 Monate währende Winter, der ein großes weißes Leichentuch über dieses Höhenland breitete, Altefeld und begruben es, bis es der Lenz aufs neue aus seinem Winterschlafe küßte, der, von brausenden Frühlingsstürmen begleitet, aus dem Oelbachtal, an dessen Anfang das Altefeld liegt, hinauf nach der Hochebene wanderte und auch über diesen stillen Winkel sein: „Werde!“ ausrief.

Jahreszeiten
Dann wurde es wieder lebendig auf dem Gutshof und in den umliegenden einstöckigen Hütten und Häuschen der Gesinde- und Instleute, die zum Gute zählten und nur aus wenigen Familien bestanden. Die Bewohner steckten vorsichtig die Köpfe aus den Fenstern, denn so ganz trauten sie dem blumengeschmückten Lenzknaben noch nicht, weil ihm hier oben der Wintergreis noch schwer zu schaffen machte. Aber froh waren sie doch, daß nun der lange, dunkle Winter mit seiner Einsamkeit vorüber war, denn nun durften sie hoffen, mit der Mitwelt wieder in Verbindung treten zu können. War doch, seit vorigen Herbst die Dampf-Dreschmaschine zum letzten Male auf dem Hofe gebrummt hatte, kein eigentlich fremder Mensch mehr auf das Gut gekommen. Nur der unentwegt fleißige Mahlmüller aus dem fernen Ulfetal hatte jahrelang auch im Winter unverdrossen den Verkehr mit der Umwelt hergestellt, dem sich noch die ebenfalls aus dem Ulfetal stammenden Besenbinder und Korbflechter zugesellten.

Den Viehhändlern aus Herleshausen, Nesselröden und Netra waren die Wege von und zum Altefelde im Winter vielfach zu tief und zu stark vereist zum Schlittenfahren gewesen. Sie hatten sich im Herbst mit einem „Auf Wiedersehen im Frühjahr“ verabschiedet. Ein Glück nur, daß die Großmutter Sandrock an den langen Winterabenden beim Spinnen ihren lauschenden Kindern etwas aus ihrer Vorzeit erzählen konnte. Etwas, was die Kinder stumm und staunen machte. Es war eine schlimme, gruselige, aber wirklich wahre Wilddiebsgeschichte vom Altefeld.
Räuber auf dem Ringgau
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte am Ringgau und im Nichelsdorfergebirge ein ganz berüchtigter Einbrecher und Spitzbube, der nebenbei auch ein gefährlicher Wilddieb war, mit Namen Landefeld. Seine Spießgesellen, die größtenteils aus den umliegenden Dörfern stammten, bildeten mit ihm eine gefürchtete Räuberbande und Wilddiebsgesellschaft. Einbrüche und Diebstähle hielten die friedliche Bevölkerung in Aufregung und Atem, hatten sie doch im nahen Renda ein ganzes Haus ausgeraubt, während die Hausbewohner in der Scheune, wie es damals noch üblich war, mit Dreschflegeln gedroschen hatten. Einen im Bette liegenden kranken Greise hatten die Unholde den Mund zugehalten. Hauptsächlich betrieben diese Gesellen die Wilddieberei, wobei ihnen die Einsamkeit des Altefelds und die tiefen Schluchten nach Markershausen und Holzhausen am Südhange des Ringgaus gar sehr zu statten kamen.
So sah sich denn eines Abends der Pächter des Altefeldes, Gutsinspektor Heyer, diesen verwegenen Wilddieben mit dem berüchtigten Landefeld an der Spitze gegenüber, die Gemerke im Anschlag. Es war an der Grenze von Altefeld und Renda. Sich der großen Gefahr bewußt, verliert er keinen Augenblick die Geistesgegenwart. Ohne zu wissen, daß der Waldhüter Karges aus Renda am Platze ist, ruft er laut: „Karges, hilf mir!“ Und wie eine Erlösung aus schwerer Gefahr klingt’s aus dem nahen Gebüsch: „Heyer, steh‘ fest, ich bin da!“ Auch kracht schon der Schuß des Karges, und der verwegendste der Räuber stürzt tot zu Boden. Die anderen Verbrecher ergreifen die wildeste Flucht, aber ihre Spur hat man nun, und so werden sie dann der Gerechtigkeit ausgeliefert.
Manöver in Altefeld
Diese und ähnliche Geschichten erzählte die Großmutter vom Altefeld ihren Kindern an langen Winterabenden, aber sie vergißt auch nicht zu berichten, daß einmal, es war wohl 1888, der Gutshof Altefeld mitten im tiefsten Frieden ein ganz kriegerisches Aussehen gezeigt habe. In diesem Jahre wurden zum ersten Male auf dem Diebenritt große Kavallerie-Manöver abgehalten, während Pferde und Mannschaften in den umliegenden Ortschaften und Höfen, also auch auf Altefeld, einquartiert und von der Bevölkerung aufs beste bewirtet wurden.

Das war das letzte große Erlebnis für das Altefeld und seine Bewohner gewesen, und dann waren wieder 25 Jahre ins Land gegangen, und der hohe Ringgau mit seinen verborgenen Dörfern und Gütern ruhte tief, welch eine große Zukunft ihm bevorstand, ahnte nicht und konnte nicht wissen, daß seine Eigentümlichkeiten, die in landschaftlichen und wirtschaftlichen Zuständen begründet liegen und ihm manchen Spott und manche Geringschätzung eingetragen hatten, nun auch noch sein Glück, seinen Aufstieg bedeuten sollten.
Und so kam gewissermaßen über Nacht, ohne daß die Ringgauer es merkten, eine neue Zeit mit neuen Verhältnissen aus dem verborgenen Winkel, dem „schlafenden Altefeld“, gezogen. Es hat lange gedauert, bis der schwergläubige Anwohner glauben wollte, daß seinem verlorenen Posten ein solches Glückslos in den Schoß gefallen sei. Aber er fängt an zu begreifen, um was es sich handelt, ja, er ist schon stolz auf sein Altefeld, zu dem er jeden fremden Besuch führt und es bewundern läßt. Nach dem neuen Altefeld richtet der Ringgauer, der Hesse, der Preuße, der Deutsche und, soweit er Pferdeliebhaber ist, auch der Außerdeutsche heute seinen Blick.
II. Das heutige Altefeld
Dem Altefeld von heute sollen nun die nachfolgenden Zeilen gewidmet sein, denn seine Bedeutung verpflichtet eigentlich jeden Um- und Anwohner, ja jeden Deutschen sich mit ihm zu beschäftigen. Das Altefeld ist jetzt das einzige Staatsgestüt, in dem das edle Vollblutpferd in reinster Vererbung gezüchtet wird, während alle anderen Staatsgestüte, wie Graditz, Trakehnen, Beberbeck nur Halbblütler heranziehen und die Landgestüte mehr dem wirtschaftlichen Zuchtbedürfnis der Landwirtschaft dienen sollen. Die eingangs erwähnten, vorzüglich geeigneten Bodenverhältnisse mit ihren außerordentlich günstigen Wachstumsbedingungen für Klee und sonstige Futterarten ließen gerade das Altefeld wie geschaffen zur Pferdezucht erscheinen. Der Muschelkalk-Untergrund ließ außerdem noch auf eine günstige Förderung des Knochenbaues der Pferde hoffen. Diese Hoffnung hat sich voll und ganz erfüllt.
Muschelkalk für besseres Wachstum
Messungen der Röhrenknochen und Kniescheiben an den Tieren, sowie deren Leistungen bei den großen Rennen haben ergeben, daß schon der kaum 5 jährige Bestand des Gestütes gute Fortschritte, ja überraschende Ergebnisse gezeitigt hat. Es ist dies um so erfreulicher, weil damit alle Mißtrauischen und Schwankenden gründlich bekehrt wurden, die dem Gestüt keine lange Lebensdauer prophezeit hatten. Sie konnten allerdings auch anfangs nicht ahnen, wie vorzüglich dieses Altefeld für diese seine wichtige Aufgabe landschaftlich und klimatisch geeignet ist.
Oelbachtal – mehr als Wasser
Wer sich über die zwei wichtigsten Eigenschaften Altefelds orientieren will, der stelle sich an dem eingangs erwähnten Kreuzungspunkt der beiden Straßen am Waldrande auf. Vor sich sieht er ein von allen Seiten sich nach der Mitte senkendes Gelände, in dessen Zentrum sich das eigentliche Altefeld erhebt, gerade an der Stelle, wo das abfallende Gelände sich zum anmutigen Oelbachtal, das seinen Ausgang nach dem Iftatale hat, zusammenzieht. Dieses Oelbachtal mit seinen ganz nach Süden gerichteten Hängen, die eine üppige Weidewirtschaft gestatten, ist wohl Perle und Mittelpunkt des ganzen Gestütes. Es bietet durch seine Lage den notwendigen Schutz gegen rauhe Nordwinde und ist wasserreich — ein auf dem sonst wasserarmen Ringgau nicht hoch genug zu schätzender Vorteil. Von ihm wird das Wasser durch ein Kraftpumpenwerk nach dem Wasserbassin auf der Höhe am Kreuzungspunkt gepumpt, um von dort auf alle Tränken verteilt zu werden, denn Wasser ist erste Bedingung für eine gute Weide.

Die Weiden des Altefeldes ziehen sich wie ein ausgebreiteter Fächer, der sein Zentrum im alten Gutshof hat, um den Gutsbezirk herum. Sie weisen selbst in den heißen Julitagen einen üppigen und dichten Graswuchs auf.
Umsichtig und vorrauschauend
Jede Weide bildet mit dem dazugehörigen Stall für die Pferde eine Einheit, die aus 3 eingezäunten Koppeln besteht, die abwechselnd ruhen und abgeweidet werden. An den Grenzen der Weiden ziehen sich dichtbelaubte Waldstreifen entlang zum Schutze der Tiere bei zu großer Hitze, sie werden von den oft im Sommer von lästigem Ungeziefer gequälten Weidetieren gern aufgesucht. Es ist ein ungemein beruhigendes Gefühl für den Beschauer, der sein Auge über diese smaragdene Umgebung des Gestütes schweifen läßt. Dabei sieht er nicht viel von dem nur ackerwirtschaftlich ausgenutzten Teile des Gutes, der sich mehr um das Vorwerk L u s t e f e l d, das von einem Schäfer und einem landwirtschaftlichen Vorarbeiter bewohnt ist, konzentriert.
Gestütsverwaltung und landwirtschaftliche Gutsverwaltung sind getrennt und liegen in verschiedenen Händen aus rein technischen Gründen, doch steht die Landwirtschaft des Altefeldes gänzlich im Dienste des Gestütes, indem sie für Instandhaltung der Weiden während des Frühlings und Sommers und für Beschaffung von Futtervorräten für den Herbst und Winter Sorge zu tragen hat; ihre Haupterzeugnisse sind daher Hafer und Heu. So bietet das Gestüt Altefeld nach jeder Beziehung die beste Gewähr für eine planvolle und zielbewußte Pferdezucht.
Nur unter Berücksichtigung aller dieser für eine ausgedehnte Weidewirtschaft günstigen Umstände konnte sich der preußische Staat vor 10 Jahren entschließen, hier oben auf dem Altefeld das Vollblut-Gestüt einzurichten. Er kaufte das Gut vom Landgrafen in Herleshausen und ergänzte es durch Zukauf und Austausch zu einem abgerundeten Gutsbezirk von rund 3000 Morgen Größe, von denen jedoch nur 1500 Morgen als Weide, weitere 1000 Morgen als Wald und nur 500 Morgen in rein ackerwirtschaftlicher Bewirtschaftung bearbeitet werden.
Architektur und Natur
Das Hauptinteresse des Besuchers nehmen die baulichen Einrichtungen des Gestütes und das Pferdematerial in Anspruch, denn es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß hier der Staat etwas Musterhaftes geschaffen hat. Jeder Besucher wird am Schlusse des Lobes voll sein, vorausgesetzt, daß er Augen hat zu sehen und volles Verständnis für die Einrichtungen und die edlen Tiere aufbringen kann, vorausgesetzt aber auch noch, daß er sich durch einen sachkundigen Führer unterweisen läßt.
Nur mit einem solchen lassen sich alle Schönheiten undSehen swürdigkeiten wirklich besichtigen. Und gern gewährt der Leiter des Gestütes, Herr Ober-Landstallmeister Graf von Sponeck, unter einem sachkundigen Führer die lohnende und hochbefriedigende Besichtigung. Uns, d. h. meinen Verwandten und mich, führte der freundliche Oberwärter Herr Niemke, der als ältester diensttuender Oberwärter mit den ersten Stuten im Jahre 1920 das Gestüt begründen half, und der den Ausbau von Altefeld von Anfang an miterlebte. Ich danke ihm auch an dieser Stelle für seine freundliche und sachkundige Führung.

Die baulichen Anlagen des neuen Altefeldes sind eine Sehenswürdigkeit für sich, die unbedingt Bewunderung auslösen. Neben einer ganz lückenlosen Erfüllung ihrer Zweckmäßigkeit entsprechen sie auch noch den verwöhntesten Ansprüchen auf Schönheit und Ästhetik. Die Lage der Gebäude, die dem Landschaftsbild genau entspricht, ist so wundervoll angeordnet, daß man das neue Altefeld als wirkliches Kunstwerk bezeichnen kann. Die Zweckmäßigkeit erfordert, daß sowohl die Stuten= wie Hengst- und Fohlenställe und die dazugehörigen Wärterhäuschen in der Richtung der vom Zentrum nach der Peripherie ziehenden Straßen und Wege an den Kulminationspunkten der dreiteiligen Weidekoppeln liegen mußten, während der alte Gutshof, die Wohnung des Leiters, der Sitz der Gestütsverwaltung und des Gestütsveterinärs, die Wohnungen der landwirtschaftlichen Arbeiter, die Schule und das Gasthaus mehr in der Mitte am Anfang des Oelbachtales ihre Lage haben.
Große Lasten und Aufwand – der sich gelohnt hat
Wie geschmackvoll nehmen sich diese Gebäude aus! Sie wirken in ihren helleuchtenden, weithin sichtbaren Farben wie farbige Edelsteine auf giftgrünem Untergrund. Es war nicht leicht, bei der Erbauung die Materialbeschaffungsfrage zu lösen. Der Ringgau ist von jeher sehr arm an Lehm für Ziegelsteine, Dachziegeln und an Bausand gewesen, und der Transport aller dieser Materialien war mit den größten Schwierigkeiten verknüpft.
Alles mußte durch Fuhrwerke von Herleshausen aus nach der Höhe gebracht werden. Aber ein Muschelkalksteinbruch in nächster Umgebung des Hofes lieferte besonders für die Stallgebäude und Wärterhäuschen einen guten und haltbaren Baustein, der in seiner hellgelben Naturfarbe und in seinem feinen Korn einen soliden Eindruck macht. Der Baustil ist mannigfaltig und abwechslungsreich. Während die Verwaltungsgebäude den vornehmen Villenstil innehalten, sind die Ställe und Wärterhäuschen in Stil, Ausführung und Material möglichst einander angeglichen. In der Hauptsache sind sie einstöckig gehalten, als Dach ist entweder das hellrote, weithinleuchtende hohe Giebeldach mit aufgesetztem Erker oder das ebenso gedeckte, aber haubenartig wirkende Mansardendach gewählt.
Ihre Einpassung in die dreiteiligen Weidekoppeln ist derartig, daß die Entleerung der dreiflügeligen Ställe nach jeder Koppel geschehen kann. Das Innere der Stutenställe ist in lauter Boxen eingeteilt, die je ein Muttertier mit Fohlen beherbergen. Die Fohlenställe sind je zwei Sammelställe für die verschiedenen Altersklassen der Hengst- und Stutenfohlen. Der Hengststall mit seinem vorgelagerten Wärterhäuschen und nebenliegenden Deckhäusern, übrigens eine Schmuckanlage für sich, ist ganz hervorragend eingerichtet. Er ist für 4 Vollbluthengste bestimmt, deren Boxen unmittelbar mit den Weidekoppeln verbunden sind.
Landschaft und Gebäude – ein Ganzes
So wirken beim neuen Altefeld landschaftliche Schönheit, klimatische Vorzüge und Zweckmäßigkeit der baulichen Anlagen zusammen, um ein einheitliches Ganzes zu schaffen. Natürlich konnte und durfte eine solche von Natur begünstigte und von Menschengeist kunstvoll geschaffene Anlage auch nicht eines geistigenZentrums entbehren, mußte dazu auch noch eine Stätte besitzen, an der man sich auch leiblich stärken kann. Dicht nebeneinander in der Nähe des alten Gutshofes liegen deshalb die Schule und das Gasthaus St. Georg. Beides sind Errungenschaften des neuen Altefeldes. Das Schulhaus ist zwar wesentlich kleiner als das danebenliegende Gasthaus ausgefallen, aber es erspart den Kindern den weiten und beschwerlichen Weg zum Nachbarorte.
Das Gasthaus schafft den Einheimischen und zahlreichen Fremden eine angenehme Erholungsstätte; es ist ein wahrer Prachtbau, dessen Unterstock aus massiven Wänden, die oberen Stockwerke aber aus Fachwerk mit wundervoll geschnitzten Eichensäulen und Balkenköpfen besteht. Die Einrichtung im Innern ist neuzeitlich und entspricht auch dem verwöhntesten Geschmack. Gutliegende geräumige Fremdenzimmer mit dem Ausblick auf die zu Tale gehenden waldumsäumten Weidekoppeln versprechen auch einen lohnenden längeren Aufenthalt, zudem eine gute Verpflegung durch den Inhaber gewährleistet ist. So kann das neue Altefeld auch Sommerfrischlern und Wanderern wärmstens empfohlen werden.

Auch hier hat der Werratal-Verein schon gute Arbeit geleistet. Er hat das Altefeld in einen seiner schönsten Wandervorschläge einbezogen, durch gute Wegebezeichnung zu gänglich gemacht und durch Einrichtung einer Herberge für billige Unterkunft gesorgt. Und doch ist das Altefeld als landschaftliche und bauliche Sehenswürdigkeit noch viel zu wenig bekannt und gewürdigt.
Pferde – unzertrennlich verbunden
Für den Pferdekenner und Tierliebhaber ist das neue Altefeld ein reines Eldorado, ein Born reiner Freude und Begeisterung. Es ist eine Augenweide, dieses edelste deutsche Pferdematerial in allen Altersstufen vom springfrohen muttergewohnten Fohlen bis zur treubehütenden ältesten Mutterstute, deren Nachkommenschaft oft ein Dutzend und viel mehr erreicht hat, in aller Ruhe und ohne Einschränkung beobachten zu können. Ja, es beschleicht den Zuschauer sogar ein Gefühl von Stolz und eine gewisse Ergriffenheit, wenn er im Hengststall den 4 sicher edelsten Vollbluthengsten gegenübersteht, als wären es die in alter Heldensage genannten und jedem deutschen Jungen bekannten Heldenrosse: Heimes Rispe, Dietrichs Falke, Wittichs Schimming und Siegfrieds Grani.
Die Zahl der zum eigentlichen Gestüt zählenden, züchtenden und gezüchteten Vollblütler ist verschieden. Der Etat schreibt 50 Mutterpferde vor, dazu kommen noch einige von deutschen Besitzern nach dort zum Decken entsandte Vollblutstuten, die dort bei bester sachkundiger Pflege edle Nachkommen zur Welt bringen. Selbstverständlich ist eine solches Decken durch einen Vollbluthengst eine ziemlich teure Sache; das Decken allein kostet 3000 RM und der Fohlenfall noch einmal 1000 RM für sich. Bis zum Juli jedes Jahres sind alle Fohlen geworfen, und dann ziehen sie mit ihren Müttern auf die saftgrünen Koppeln, springen sich mutig aus und nähren sich von fetter, süßer Muttermilch. Die Mutterpferde mit ihren Kindern sind auf die 3 Stutenställe mit den dazu gehörigen Weiden verteilt.
Mit einer Herde gleichvieler Kühe des Gutes und der Wärter, die zur Instandhaltung der Weide notwendig sind, weiden die Stuten und Fohlen friedlich zusammen, und ich habe während meines Besuches nicht gesehen, daß sich die Bemähnten und Gehörnten gezankt hätten. Die ein- und eineinhalbjährigen Fohlen, übrigens unglaublich kräftige und gut gebaute Tiere, sind nach Geschlechtern getrennt und an ganz verschiedenen Punkten des Gestütes in den beiden Hengstfohlen- und Stutenfohlenställen untergebracht. Sie sind die Hoffnung und Zukunft des Gestütes.
Erfolgreich und berühmt
Mit Ablauf des zweiten Jahres werden sie, nachdem sie auf Altefeld langsam an den Satteldruck gewöhnt werden nach dem Rennstall Hoppegarten gebracht und dort für die größten Rennen trainiert. Die Erfolge der in der letzten Zeit auf dem Altefeld gezüchteten Rennpferde sind außerordentlich, und die errungenen Gewinne sind zahlenmäßig bis in die Millionen gewachsen. Im letzten Rennen in Baden-Baden errang „Aditi“ vom Altefeld den großen Preis, ein sprechender Beweis für die wirklich durch Einrichtung des Gestütes Altefeld geförderte Vollblutzucht. Was droben in stiller Einsamkeit des Ringgaues durch vorbildliche Anlagen und Weiden heranwuchs, sammelt dann Lorbeeren und Anerkennungen in der großen Oeffentlichkeit. Und was draußen im Wettkampf auf dem Rennplatz seinen Mann gestanden hat, kehrt dann wieder in die Stille des Altefeldes zurück, um als wertvolle Auslese die Zucht weiter zu fördern.
Alle beim Rennen mit hohen Preisen ausgezeichneten Vollblütler kommen wieder zurück nach dem Gestüt und werden in den Dienst der Zucht gestellt, weil man durch eine so reine Zuchtauswahl eine Vererbung der besten Eigenschaften der Tiere erhofft. Die Hengste werden oft durch „neues Blut“ ersetzt, das man durch Einfuhr von England, Irland, Frankreich, Australien und Amerika zu erreichen sucht. Immer aber handelt es sich bei diesen meistens im Ausland gekauften Hengsten um wertvolle Tiere, die dort ebenfalls in großen Rennen mit ersten Preisen ausgezeichnet wurden.
Dark Ronald
Augenblicklich stehen die zwei schwarzbraunen Hengste Vater und Sohn, Dark Ronald und Herold, der Fuchs Diadumenus und der braune Franzose Nuage zur Verfügung, denen noch im Stutenstall ein Halbblütler zuzurechnen ist. Das gesamte Zuchtpferde-Material des Altefeldes stellt einen hohen Wert dar, schon aus dem Grunde, weil es das einzige Vollblut des ganzen Staates ist. Die Wartung und Pflege derselben geschieht deshalb auch nur durch eine Reihe meist von den alten Gestüten Graditz und Trakehnen in Ostpreußen stammender Wärter in den verschiedenen Ställen, denen wieder Oberwärter, Stutenmeister und schließlich der Oberlandstallmeister übergeordnet sind. So stellt sich das neue Altefeld als ein im kleinen vorzüglich geordnetes Staatswesen für sich dar; das in seinem vorbildlichen Aufbau ein Muster ist.
Die Bevölkerung Altefelds ist, wenn sie auch denselben Grund und Boden bewohnt und alle denselben Zwecken dient, noch streng zu unterscheiden in die des alten und die des neuen Altefeldes. Die des einstigen Gutshofes wohnt drunten im Grunde in den zusammenhängenden kleinen Häuschen in der Nähe des Hofes, immer bereit, sich in den Dienst der Ackerwirtschaft zu stellen und Futtervorräte für den langen Winter zu bergen, die des jetzigen neuen Altefeldes wohnt weiter hinaus und höher hinaus in den schmucken rotgedeckten Einzelhäuschen in der Nähe der Ställe, treu auf dem Posten, das anvertraute Gut, die edlen Pferde zu pflegen, sich immer bewußt, daß man ihnen wertvolles Gut anvertraut hat.
Einst und jetzt zusammen
Die kleinen des Altefeldes, etwa 20 an der Zahl, treffen sich am Morgen im schmucken Schulhaus zu gemeinsamem Unterricht und Spiel, und die Alten wandern am Sonntag in der Frühe zusammen nach dem eine halbe Stunde entfernten Renda zum Gotteshaus, oder sie erzählen sich abends im gastlichen St. Georg von den alten Zeiten des Altefelds oder von der alten Heimat in Ostpreußen. So wird es noch eine Zeit lang dauern, dann sind die Alten heimgegangen und ruhen nebeneinander auf dem stillen Friedhof am Gutshof, und kein Mensch weiß noch etwas von dem einstigen Altefeld und dem früheren Heimatland.
Das junge Geschlecht wird meinen, es sei immer so ge[wes]en; denn es überblickt nur seine Zeit, weiß nichts mehr, wie es war und ahnt nicht, wie es sein wird, denn wie die Geschlechter sind die Landschaften, wird auch das Altefeld ewigem Wechsel unterworfen sein. Wie läßt der Dichter Rückert Chider, den ewigen Wanderer, sagen? „Und aber nach 500 Jahren werde ich desselben Weges fahren!“
Unsere Besichtigung ist zu Ende. Mit unserem freundlichen Führer sitzen wir noch ein Viertelstündchen im Schatten des Gasthofes. Der Abend senkt sich leise herab und mit ihm jene Stille, die uns empfänglicher für alles Schöne und Gute macht. Noch einmal lassen wir unser Auge über die Weide streifen. Droben, fast am Walde fließen Horizont und Weiderand ineinander. Vom Waldstreifen drüben kommen jetzt die Stuten mit den Fohlen gezogen, die kleine Koppelfliege läßt ihnen keine Ruhe und treibt sie den schützenden Ställen zu. Jetzt treten sie in unseren Gesichtskreis, sie haben die Grenzlinie der Weide und des sanft geröteten Abendhimmels erreicht. Wir sind ganz in ihren Anblick versunken, ein Stück Frieden, schöner Gottesfrieden zieht an uns vorüber.
